Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Fröschen werfen

Die Bayerische Staatsoper gibt viermal pro Jahr eine opulent aufgemachte Hauszeitschrift namens „Max Joseph“ heraus, die die SZ einmal süffisant als „Staatsfeuilleton“ apostrophierte. In der aktuellen Ausgabe findet sich eine bizarre Liebeserklärung der Geigerin Patricia Kopatchinskaja an Deutschlands „Klimapapst“ Hans Joachim Schellnhuber, zu künstlerisch wertvollen Bildern sterbender Gletscher. Eine Replik.

Liebe Frau Kopatchinskaja, ich habe zwar nicht ganz verstanden, was Sie in ihrem etwas verschwurbelten Beitrag über den Klimawandel in der Zeitschrift Max Joseph (Ausgabe Herbst 2018) mit den Fröschen gemeint haben, die sich freiwillig oder unfreiwillig dem Hitzestress aussetzen oder auch nicht. Ich bin jedenfalls kein Frosch, auch wenn ich nach der Lektüre das Gefühl habe, dass mir einer im Halse steckt und ich schrecklich husten muss.

Und dass der möglicherweise Klima bedingte Untergang der Dinosaurier eine so furchtbare Katastrophe war, kann ich auch nicht recht nachvollziehen. Ich bin sogar ganz froh darüber, dass die Viecher ausgestorben sind. Wenn ich mir vorstelle, dass mir heute im Englischen Garten in München ein Tyrannosaurus rex über den Weg läuft, wird mir ganz anders. Mir reichen Dinos in der Paläontologischen Staatssammlung und auf der Bühne des Nationaltheaters, wo sie zu Zeiten von Sir Peter ihr Unwesen trieben.

Doch im Ernst, liebe Frau Kopatchinskaja. Ich begrüße es, wenn sich Künstler im Allgemeinen und Musiker im Besonderen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen äußern. Daniel Barenboim meldet sich regelmäßig im Nahost-Konflikt zu Wort, der jüngst verstorbene Dirigent Enoch zu Guttenberg zog gegen die Energiewende zu Felde und Igor Levit, ein großartiger Pianist, keine Frage, verdankt seine Prominenz zu einem nicht geringen Teil seinen pointierten Einlassungen zu außermusikalischen Fragen. Es gibt keine unpolitischen Künste und auch Musiker sind keine politischen Eunuchen, die nur im ephemeren Reich der Klänge schwelgen. Insofern zolle ich Ihrem jüngsten Engagement in Sachen Umweltschutz und Klimawandel den aller größten Respekt.

Trotzdem sollte man sich nicht nur von der eigenen Wut und den eigenen, subjektiven Einschätzungen leiten lassen, sondern auch als „unbedarfter Musiker“ – so Ihre zutreffende Selbstbeschreibung – ein Mindestmaß an Informiertheit, Augenmaß und Objektivität wahren. Schließlich sind es ja wohl Leute wie Sie, die sich immer wieder über jene „Wutbürger“ echauffieren, die nur unreflektiert und „aus dem Bauch heraus“ urteilten und handelten.

Ihrem Essay entnehme ich, dass Sie – vielleicht auf einem ihrer langen Flüge zu ihren Konzertterminen in aller Welt – Hans Joachim Schellnhubers Buch „Selbstverbrennung“ über den angeblich kurz bevorstehenden Hitzetod unseres Planeten infolge der Menschen gemachten Erderwärmung gelesen haben. Sie haben dann seinen Namen gegoogelt und sind auf einen Artikel in der Tageszeitung Die Welt gestoßen, in dem ihm unter anderem „Alarmismus“ vorgeworfen wurde.  Über diesen Artikel haben Sie sich dermaßen erregt, dass Sie es für nötig hielten, einen Beitrag für Max Joseph zu schreiben.

Dem geneigten Leser sei noch einmal erläutert, dass es sich bei Professor Schellnhuber um den mittlerweile pensionierten Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung handelt. Seine wissenschaftliche Reputation vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß aber, dass er unsere Bundeskanzlerin in Klimafragen beraten hat und auch Papst Franziskus, worauf Herr Schellnhuber überaus stolz ist. Ich weiß, auch aus eigener Erfahrung, dass er selbst in den Medien als „Klimapapst“ apostrophiert wird und er sich in öffentlichen Diskussionen oder Interviews genauso verhält: durchdrungen von seiner Mission, die Welt vor dem Untergang zu bewahren, hochfahrend und mitunter rüde im Umgang mit Kritikern. Ein Mann, der von seiner Unfehlbarkeit überzeugt und der, was ich besonders bedauere, absolut humorlos ist.

Sie beschreiben Herrn Schellnhuber als einsamen Rufer in der Wüste, umstellt von missgünstigen Journalisten, Klimawandelleugnern und dunklen Mächten, die die Wahrheit über die Klimakatastrophe zu unterdrücken versuchten. „Ein Wink aus höheren Sphären“ würde genügen, um endlich fair über den Klimawandel als Menschheitsbedrohung zu berichten, schreiben sie. Klingt ein wenig nach jenen Verschwörungstheorien, die Leute wie Sie den schon zitierten Wutbürgern unterstellen.

Ich habe auch gegoogelt, liebe Frau Kopatchinskaja. Auf den ersten sechs Seiten der Trefferliste bin ich fast ausschließlich auf neutrale oder positive Einschätzungen seiner Person und seiner Thesen gestoßen. Herr Schellnhuber ist mitnichten ein verkannter Prophet, sondern geradezu ein Liebling der Medien und des pseudo-grünen Mainstreams.

Erst auf Seite sieben finde ich jenen Beitrag des Welt-Journalisten Ulli Kulke, über den Sie sich so maßlos erregt haben. Ganz im Gegensatz zu Ihnen fand ich diesen Artikel, eine Rezension von Schellnhubers Buch,  weder diffamierend noch in irgendeiner Weise skandalös, sondern erfrischend frech, klug und witzig. Schlimm, dass da jemand wagt, einer selbst ernannten Koryphäe ans bleiche Bein zu pinkeln.

Um die Leugnung des Klimawandels ging es dabei gar nicht, nur um die Hybris eines deutschen Professors und Politikberaters, der allen Ernstes meint zu wissen, dass infolge der Klimaerwärmung die nächste Eiszeit ausfällt. Es ist sehr wohlfeil, das Klima in Tausenden oder Zehntausenden von Jahren vorherzusagen. Nachprüfen kann das ohnehin keiner.

Ich bin übrigens sehr erschrocken darüber, wie bereitwillig Sie Menschen, die nicht Ihre eigene Meinung und Weltsicht teilen, als „Pöbel“ diffamieren. Solch eine verrohende Sprache, zumal aus dem Munde einer von vielen bewunderten Künstlerin wie Ihnen, vergiftet das gesellschaftliche Klima.

Bevor Sie nun vielleicht auch in mir selbst einen Klimawandelleugner sehen und einen Vertreter jenes Pöbels, der die Warnungen der Wissenschaftler „unterminiert und zum Abschuss freigibt“: Nein, ich bin kein Klimawandelleugner. Dass sich die Erde derzeit erwärmt, halte ich für unstrittig und der Mensch wird daran einen mehr oder weniger großen Anteil haben. Wobei es wohlgemerkt nicht nur um das viel zitierte CO2 geht, sondern vor allem auch um die fortwährenden Landnutzungsänderungen durch eine sich stetig wachsende Weltbevölkerung.

Wenn der neue brasilianische Präsident, wie angekündigt, die Agrarfläche seines Landes auf Kosten des Regenwaldes massiv vermehren will, können wir noch so viele Windräder bauen. Wir werden den Klimawandel wohl nicht aufhalten können. Wir können aber versuchen, uns an das Unvermeidliche anzupassen, so wie es alle Lebewesen seit Millionen von Jahren tun. Mit unserer technischen Intelligenz haben wir da ganz gute Chancen. Dabei sollten wir, wenn möglich, einen kühlen Kopf bewahren. Panik und Hysterie, wie auch Sie sie schüren, führt immer zu falschen, oft verhängnisvollen Entscheidungen.

Vielleicht kommt es auch nicht so schlimm, wie vorhergesagt. Die Erkenntnisse der Klimaforschung sind nicht sakrosankt, so wie es keine wissenschaftliche Erkenntnis sein darf, von den Naturgesetzen einmal abgesehen. Wobei man daran erinnern muss, dass selbst im Universum festgemauert scheinende Größen wie die Zeit gelegentlich ins Wanken geraten. Sie selbst kommen ja auf Albert Einstein zu sprechen, der mit seiner Relativitätstheorie in der Physik keinen Stein auf dem anderen gelassen hat. Dass Ihnen aufgefallen ist, dass Einstein dort wirkte, wo auch Herr Schellnhuber wirkte, wird ihn, Schellnhuber, gewiss sehr gefreut haben.

Die Klimaforschung beruht auf komplizierten Messungen heute und – mittels paläoklimatologischer Methoden – in der Vergangenheit und noch viel komplexeren Modellierungen, mit denen das Klima der Zukunft abgeschätzt werden soll. So wird versucht, das chaotische System Wetter/Klima – Klima ist nichts anderes als Wetter über einen ausreichend langen Zeitraum beobachtet und statistisch gemittelt – in den Griff zu bekommen. Die Erkenntnisse der Klimaforschung, auch das viel beschworene Zwei-Grad-Ziel, als dessen Urheber sich Herr Schellnhuber  bezeichnet, bleiben aber einstweilen Prognosen und Hypothesen, nicht mehr und nicht weniger.

Es muss also erlaubt sein, darüber auch grundsätzlich zu diskutieren, zumal die Maßnahmen, die aktuell zur Bekämpfung des Klimawandels empfohlen werden, tief in die Lebensgewohnheiten von Millionen und Milliarden Menschen eingreifen werden. Bei sehr ungewissen Erfolgschancen.

Ja, liebe Frau Kopatchinskaja, es geht dabei auch um Ihre eigenen  Lebensgewohnheiten. Ich habe mir die Mühe gemacht und Ihren ganz persönlichen Flugplan angeschaut: Zürich, Berlin, Wien, Hamburg, Moskau, Washington, San Francisco, Rotterdam, Tokio, Sevilla, Bern, wieder Moskau, wieder Tokio, Cleveland, Berlin, Palermo, Montreal, Los Angeles, Baden-Baden, London, Amsterdam, Birmingham, Köln, München

Das Flugzeug ist das mit Abstand Umwelt- und Klima schädlichste Verkehrsmittel, dessen Beitrag zur Erderwärmung schon auf fünf Prozent geschätzt wird – Tendenz stark steigend. Nur drei Prozent der Weltbevölkerung sind vergangenes Jahr geflogen, nur 18 Prozent saßen überhaupt schon einmal in einem Flugzeug. Da ist noch viel Luft nach oben.

Mit Verlaub, liebe Frau Kopatchinskaja. Ihr CO2-Fußabdruck dürfte dem einer größeren afrikanischen Provinzstadt entsprechen. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Fröschen werfen.

Ein Gedanke zu „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Fröschen werfen“

  1. Sehr gut durchdachte Ausführungen, die auch das Hauptproblem benennen, das ansonsten partout verschwiegen wird aus welchen ideologischen Gründen auch immer: das Bevölkerungswachstum.

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