Vergessene Arten im Naturschutz

Naturschutz ist scheinbar wieder „in“. Die Deutschen lieben die Natur.  Dies ist das Ergebnis einer Naturbewusstseinsstudie, die vom Bundesamt für Naturschutz im Jahr 2017 erstellt  wurde. Wie mit der Natur weltweit umgegangen wird, bereitet den Deutschen die größten Sorgen. Der Wunsch nach einem nachhaltigen Schutz der Meere und die Angst vor der Gentechnik in der Landwirtschaft dominieren. Eine untergeordnete Bedeutung besitzt die Bedrohung der biologischen Vielfalt und der Umgang mit der Natur im unmittelbaren Lebensumfeld der Befragten.

Ein sehr seltener Anblick: Dicht mit unterschiedlichsten Flechtenarten (Gattungen Lobaria, Usnea, Sphaerophorus) bewachsener Ast. © J. Bradtka

Es verwundert daher nicht, dass der Rückgang mancher unspektakulärer Arten quasi vor unserer Haustüre einfach übersehen wurde. So erlitt in der Vergangenheit fast keine andere Artengruppe innerhalb des Pflanzen- und Pilzreiches derart große Verluste wie die Gruppe der Flechten. Flechten sind eine über viele Millionen Jahre entstandene Lebensgemeinschaft, genauer gesagt eine mutualistische Symbiose, zwischen Pilz und Alge.

Unbemerkt und/oder ignoriert von vielen großen Naturschutzverbänden und Fachbehörden sind mittlerweile rund 56 Prozent aller Flechtenarten gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben. Das Spektrum ihrer Lebensräume ist sehr vielfältig. Sie leben überall dort, wo sie keiner Konkurrenz durch höhere Vegetation ausgesetzt sind: Auf Felsflächen, auf nicht überdüngten mageren Böden, an Baumrinden, auf Ästen oder auf dem Holz von Bäumen. Von den ca. 2.200 in Deutschland vorkommenden Flechten wachsen 448 Arten auf Bäumen. Rund ein Drittel davon benötigen alte Bäume als Unterlage und eine schonende Bewirtschaftung der Wälder. Viele unter ihnen sind in ihrem Bestand besonders bedroht.

Rodungen und Fragmentierungen von Wäldern: Ein Grund für den Rückgang von Flechten und anderen Artengruppen. © J. Bradtka

Eine intensive Forstwirtschaft, die oftmals übertriebene Erschließung der Wälder mit Forststraßen und Holzrückewegen, und die Fragmentierung großer zusammenhängender Waldgebiete durch Verkehrswege,  Abbauflächen oder Windparks tragen zu einem deutlichen Rückgang der Flechten bei. Sie verändern das wichtige Mikroklima des Waldes und zerstören manch bedeutenden Flechtenlebensraum.

Um die gefährdete Artengruppe der Flechten zu erhalten und somit auch die Biodiversität in unseren Wäldern zu erhöhen, müssen deutlich mehr Naturwaldreservate als bisher, flächig über das Land verteilt, geschaffen werden. In ihnen können sich die Arten ansiedeln und langfristig ungestört überleben. Neue Großschutzgebiete (Nationalparks) tragen nur regional begrenzt zum Schutz der Flechten und anderer „vergessener“ Arten, beispielsweise Moose, bei. Eine großflächige Vernetzung zwischen den Naturwaldreservaten gewährleistet die Ausbreitung der bisher isolierten Flechtenarten und sichert langfristig die biologische Vielfalt in unseren Wäldern.

4 Gedanken zu „Vergessene Arten im Naturschutz“

  1. Das ist eine gute Forderung! und deckt sich mit der Forderung von BUND Naturschutz und Greenpeace. Auch der LBV ist ja auf dieser Linie. Es ist sehr schön, wenn diesbezüglich verbandsübergreifend Einigkeit herrscht! Großschutzgebiete ALLEIN genügen selbstverständlich nicht, es wurden immer zusätzlich auch weitere Prozessschutz-Schutzgebiete unterschiedlicher Größe gefordert.
    Ebenso wie eine naturverträglichere Forstwirtschaft.
    Aber Bayern meint ja, die Nationale Biodiversitätsstrategie (NBS) mit der Forderung von 5 % Naturwaldentwicklung in den bayerischen Wäldern (NWE5) zwecks Bewahrung der an alte Wälder gebundenen Artenvielfalt nicht umsetzen zu müssen, Artenschutzkonvention von Rio hin oder her, Seehofers Einverständnis zur Nationalen Biodiversitätsstrategie im Jahr 2007 hin oder her.
    Ich sehe es nicht so, dass den Verbänden die Flechten, Moose etc egal sind. Es werden mehr ja wie gesagt mehr Naturwaldflächen gefordert, dann gibt es mehr Refugien nicht nur für Flechten, sondern auch für andere bedrohte, auf alte Wälder angewiesene Arten. Es geht um den Schutz des Ökosystems und der natürlichen Prozesse, da kommen auch die Flechten nicht zu kurz, und auch die seltenen Käfer, seltenen Pilze, Moose (man denke an die Klage des NABU Hessen wegen der Zerstörung von Vorkommen des bedrohten grünen Besenmoses) etc pp… und der Prozessschutz-Wald bewahrt auch sein feucht-kühles Waldklima viel besser.
    Zum Thema gibt es ja jedes Jahr auch Artikel im „Kritischer Agrarbericht“ (KAB)

      1. Vergessene Arten im Naturschutz, leider.
        Der Naturschutz wird in Frage gestellt, insbesondere bei geplanten Baumaßnahmen für Windkraftanlagen. Naturschutzgebiete werden ignoriert, genauso wie Naturparks. Wir brauchen keine Windkraftanlagen in Mittelgebirgen und in Naturparks. Hier in einem der größten Naturparks Deutschlands, dem Sauerland-Rothaargebirge, fordern wir ein Biosphärenreservat statt Windkraftanlagen. Das nützt dem Naturschutz und vielen vom Aussterben gefährdeten Arten.
        Jochen Niemand LNU Kreiskoordinatort Siegen – Wittgenstein

    1. Da Links nicht mehr möglich sind, hier eine Hilfestellung zum Auffinden = der genaue Titel: Von GP und BN gibt es: „Gemeinsame Forderungen für mehr Waldschutz“, und „Mehr Naturwälder für Bayern. Vorschläge für ein landesweites Naturwald-Verbundsystem“ (2016), mit ganz konkreten Vorschlägen für geeignete Waldgebiete. Man kann sich denken, was aus den Vorschlägen geworden ist – seufz. Von dem NWE5-Ziel ist Bayern nach wie vor Lichtjahre entfernt. Nota bene: Das Ziel sollte 2020 erreicht sein.

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