Josef H. Reichholf

Naturschutz in der Krise

Grußworte von Prof. Dr. Josef H. Reichholf anlässlich seiner Ernennung zum Ehrenpräsidenten des Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern e.V. (VLAB) am 13. Oktober 2018 in Greding/Mittelfranken.

Der Naturschutz ist in der Krise. Seit geraumer Zeit. Sie äußert sich besonders stark in drei Bereichen. Zwei davon werden öffentlich wahrgenommen und diskutiert: Der Artenrückgang und die Naturschützer als Verhinderer von Bau- und Erschließungsmaßnahmen. Die Biodiversitätskrise ist nicht neu. Sie läuft seit Jahrzehnten. Hauptverursacher ist die konventionelle Landwirtschaft. Gegen sie hat sich der Naturschutz bislang als Papiertiger erwiesen. Auf immer neue, noch erschreckendere Befunde findet sie es längst nicht mehr nötig, überhaupt zu reagieren. Wer das Land hat, hat das Sagen!

Anders sieht es im Bereich des „Verhinderungsnaturschutzes“ aus. So sehr dieser in manchen Fällen nötig, ja unumgänglich ist, um zu retten, was vielleicht noch zu retten ist, so oft lässt er sich instrumentalisieren für ganz andere Zwecke; im Klartext: missbrauchen! Dies zu verhindern, ist den Naturschutzverbänden nicht nur nicht gelungen, vielmehr wird insgeheim oder ganz offen davon ausgegangen, dass vorgeschobene und naturschutzfachlich falsche Artenschutzargumente Verbündete aus Bürgerinitiativen bringen kann. Da nimmt man es dann nicht so genau. Oder Naturschützer und ihre Verbände propagieren Umweltschutzmaßnahmen, die gleich die Welt, sprich das Klima, retten sollen, auch wenn sie Umwelt und Natur tatsächlich stärker belasten. Wie die subventionierte Erzeugung von Bioenergie – Stichwort: Vermaisung der Landschaft – und die Windräder. Dass bei der Nutzung alternativer Energien die Natur und auch die Lebensqualität für die Menschen eine zentrale Rolle spielen sollten, wird zugunsten einer fiktiven Weltrettung verdrängt. Das hat den Naturschutz in Misskredit gebracht. Häufig, viel zu häufig dient er nur noch als Mittel zum Zweck, zu einem die Natur schädigenden Zweck.

Doch es gibt einen dritten, eminent wichtigen, aber von den großen Naturschutz-Verbänden so gut wie völlig missachteten Bereich: Aussperrung und Fernhalten der Menschen, insbesondere auch der Kinder von der Natur. Die von den großen Naturschutzverbänden initiierten und nach wie vor unverändert mitgetragenen Naturschutzbestimmungen treffen in weitaus überwiegendem Maße, oft sogar ausschließlich, die echten Naturfreunde. Für sie, für die Kinder, Jugendlichen und die mit hinterhältiger Freundlichkeit ‚Citizen Scientists‘ genannten Amateure hat der Naturschutz, zumal der Artenschutz, die Natur genehmigungspflichtig und schwer oder gar nicht mehr zugänglich gemacht. Damit kehrt er sich um in sein Gegenteil: Er ist zu einer administrativen Vernichtung des Interesses an der Natur gemacht worden. Was können sich die Verursacher der Verluste, die diversen Nutzer, mehr wünschen?!

Ihnen stehen die Naturschutzgebiete frei. Weniger als früher müssen sie befürchten, dass ihr Tun beobachtet wird und zu Konsequenzen führt. Denn das „Betreten verboten“ gilt für die Naturfreunde und Naturschützer, nicht aber für die Nutzer. Land- und Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei, Wasserwirtschaft und wer sonst öffentlicher oder privater Rechtsträger ist, sie alle sind frei gestellt von den Beschränkungen oder Verboten. Das Kind aber, das die Mauserfeder einer Amsel oder Kohlmeise auch nur aufhebt oder einen „geschützten“ Schmetterling oder Käfer fängt, verstößt gegen den Artenschutz. Die Gift sprühende, massenhaft tötende Landwirtschaft tut das nicht, ebenso wenig wie die kommunale und staatliche Straßenpflege.

Flächiger Maisanbau und rücksichtslos gemulchte Straßenränder sind eine der Hauptursachen des Insektensterbens. Bild © F. Buer

Hemmungslos werden Straßenränder, Böschungen und andere nicht-private Freiflächen mehrmals im Jahr gemäht und es werden dabei massenhaft geschützte Arten verhackstückt und vernichtet: Schwalbenschwanz und Bläulinge, Wildbienen, Hummeln, Blindschleichen, Eidechsen, Nattern und Blumen. „Pflegemaßnahme“ nennt sich das alles. Dabei geht es fast immer um den Einsatz von Spezialmaschinen, deren Anschaffung teuer war und die sich über den angeblich unentbehrlichen Gebrauch zu rechtfertigen haben. Auch im Bayerischen Staatsforst geschieht dies. Im Juni, wenn Blumen zu blühen angefangen haben und Schmetterlinge und Hummeln diese besuchen, werden die Ränder der Forststraßen meterbreit gemäht. Doch die großen Naturschutzverbände schweigen dazu. Höchstens unternehmen lokale Vertreter halbherzige, meist rasch unergiebig verlaufende Versuche, diese Artenvernichtung etwas einzuschränken. Sie müssen ja die Welt retten.

Noch viel mehr ließe sich anschließen, was im Naturschutz bei uns im Argen liegt; zum Verzweifeln viel. Was macht man als Wissenschaftler, der sich seit seiner Jugend als Naturschützer betätigt hat, an der Technischen Universität München dreißig Jahre lang Naturschutz lehrte und in führenden Positionen im nationalen und internationalen Naturschutz tätig war? Resigniert zog ich mich aus den Verbänden zurück und versuche wieder an den Wurzeln, vor Ort, im kleinen Rahmen tätig zu werden, um nicht vollends tatenlos zuzusehen, wie der Naturschutz versagt und sich in Bereiche verrennt, denen er nicht gewachsen ist. Die Hoffnung, nicht allein zu sein im Bemühen, Natur um der Tiere und Pflanzen willen zu erhalten, schützt davor, dass aus Resignation Tatenlosigkeit wird. Tatsächlich gibt es viele Naturfreunde, die so denken. Sie fühlen sich von den großen Naturschutzverbänden verlassen, weil vor Ort zu wenig bewirkt oder gar offen anderen Interessengruppen zugearbeitet wird. Auf diese echten Naturschützer und auf die Jugend und die Kinder, die nachwachsen, gründet sich mein immer noch vorhandener Optimismus. Sie brauchen einen Verband, der wirklich Naturschutz will und ihn nicht für andere Zwecke ge- oder gar missbraucht. Der V L A B verfolgt dieses Ziel; ein Ziel, das mich bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert mit Hubert Weinzierl zusammengebracht hatte. Mit nachhaltigem Erfolg schufen wir das große Naturschutzgebiet am unteren Inn. Gern, sehr gern bin ich bereit, den VLAB zu unterstützen! Die Herausforderungen gebieten es, nicht nachzulassen.

Zum Autor

Josef H. Reichholf ist Evolutionsbiologe, Zoologe und Bestsellerautor. Bis 2010 leitete er die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und lehrte an beiden Münchner Universitäten. Zusammen mit Bernhard Grzimek, Horst Stern und Hubert Weinzierl gründete er Anfang der 70er Jahre in München die „Gruppe Ökologie“, eine Keimzelle des später gegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), den er vor einigen Jahren verließ. Viele Jahre lang war er Mitglied der Kommission für Ökologie der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) und des Vorstands/Präsidiums des World Wide Fund for Nature (WWF) Deutschland.

Zahlreiche Bücher, Fachpublikationen, Hörfunk- und Fernsehauftritte sowie Vorträge im In- und Ausland machten Reichholf einem breiten Publikum bekannt. 2007 erhielt er für seine allgemeinverständlichen Beiträge zur Ökologie den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2005 wurde ihm die Treviranus-Medaille des Verbands deutscher Biologen verliehen.

 

 

2 Gedanken zu „Naturschutz in der Krise“

  1. Prof. Reichholf stimme ich zu und möchte einen weiteren Aspekt ansprechen: Der skizzierte „absolute Naturschutz“ tut sich schwer mit der Rolle des Menschen. Das „retournez à la Nature“ von J.-J. Rousseau scheint einen Weg zu weisen; das wird bisweilen aber verstanden als „zurück zur bäuerlich-handwerklich traditionellen Lebensweise“, vorgebracht als „so sollst Du leben“. Rousseau meinte eher eine (fiktive) archaische Gesellschaftsordnung.

    Der kreative Mensch, der homo faber, wirkt jedoch seit der Altsteinzeit und verändert damit die Natur. Nur autoritäre Gewalt könnte bereichsweise die menschliche Kreativität – ein Grundbedürfnis – abwürgen.

    Der Naturschutz sollte den homo faber als Sozialen Tatbestand (Émile Durkheim) konzeptuell einbeziehen.

  2. Herr Reicholf spricht durchaus Paradigmen im heutigen Naturschutz an, die ernsthaft zu diskutieren sind. Selbstverständlich gehören dazu mögliche Fehlentwicklungen in den Verbandsstrategien dazu, weil ihnen alle Großorganisationen früher oder später unterworfen sind. Das rechtfertigt jedoch keine Abkehr, sondern verbandsinterne Bemühungen um Reformen, wie ich sie auch aktiv betreibe, ohne meinen Verband BUND zu verlassen. Soweit ich dessen Veröffentlichungen kenne, unterliegt auch Herr Reicholf einem Pardigma, dass dringend überprüft werden muss. Er vermischt Biodiversität mit Artenvielfalt und hängt offensichtlich an einem artenbezogenen Bild, das ich auch fünf Jahrzehntelang als richtig empfunden habe. Heut erlebe ich die abstrusesten Geldinvestitionen in den vermeintlichen Erhalt oder die Wiederentwicklung von Biotopstrukturen und Lebensraumtypen, die sich an einzelnen Arten ausrichten, weil wir sie als wichtig empfinden, jeder anders und auf seine Weise. Das geschieht dann gegen die Dynamik selbstorganisierter lebendiger Prozesse und erfordert fast immer Energieaufwand, der am Ende zu Wärmeabfall führt. Niemand, auch Herr Reicholf nicht, hat das Wissen, um Folgewirkungen hinreichend sicher Einschätzen zu können. Er setzt ein Dogma gegen das andere. Das ist keine Lösung.

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