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Die Mär vom traurigen Kuckuck

Ich kann mich noch gut erinnern, dass mir meine Mutter zu meinem Geburtstag immer die ersten Schneeglöckchen aus unserem Garten auf den Geburtstagstisch stellte. Und der ist seit meiner Geburt im Babyboomerjahr 1962 zuverlässig am 22. Januar. Bei uns war es ziemlich normal und eher ein Grund zu Freude, wenn die ersten Frühlingsboten schon so zeitig aus dem Boden spitzten. Zugegebenermaßen stamme ich aus einer milden Weinbauregion, wo jede Schneeflocke mit großem Hallo willkommen geheißen wurde. Allerdings bleibt der Schnee jetzt oft völlig aus, eine Folge der Klimaerwärmung, daran gibt es nichts zu rütteln.

Die Frage ist nun, ob häufigere milde und sehr milde Winter Grund zu Sorge geben, weil Pflanzen und Tiere darunter leiden könnten. Berichte darüber füllen jetzt wieder die Zeitungsspalten und die Umweltverbände geben Tipps, wie man Igeln helfen kann, die zu früh aus dem Winterschlaf erwachen oder ob man Vögel noch füttern soll, wenn sie selbst genug finden, weil Schnee und Eis Mangelware sind in diesem Jahr. Und was das alles möglicherweise für die Ökosysteme bedeutet.

Zunächst eine tendenziell gute Nachricht für unsere von Trockenheit und Borkenkäferplage gestressten Wälder. Die gefräßigen Käfer kommen nämlich mit einem Winter wie diesem überhaupt nicht klar. Das feucht-kühle, atlantisch geprägte Wetter lässt nämlich Pilze auf den Tierchen wachsen, was zu einer hohen Sterblichkeitsrate führt. Ein eiskalter, schneereicher Winter stört die Borkenkäfer hingegen überhaupt nicht, sodass sie in großer Zahl überleben und, wenn es wärmer wird, ihr Zerstörungswerk ungehemmt fortsetzen können.

Kehrseite der Medaille: Das Tiefdruckwetter hat immer wieder auch Stürme im Gepäck, die ihrerseits große Waldschäden anrichten können. Allerdings soll deren Häufigkeit infolge der geringer werdenden Temperaturunterschiede zwischen mittleren und hohen Breiten infolge des Klimawandels eher abnehmen. Noch ein Gutes haben die unablässig über uns hinwegziehenden Tiefs, sie lassen es verbreitet regnen und füllen die Grundwasserreservoirs wieder auf. Zwei Monate eiskaltes Hochdruckwetter, die gefürchtete „Russlandpeitsche“, würde zwar den Klimahysterikern etwas Wind aus den Segeln nehmen, könnte die Dürre aber womöglich weiter verschärfen. Übrigens gab es vor gar nicht so langer Zeit Klagen darüber, dass sich infolge des Klimawandels die Westdrift abgeschwächt habe. Jetzt ziehen seit Wochen atlantische Tiefs an einer endlosen Kette bis weit nach Russland hinein und es ist auch nicht gut.

Ein paar Worte zu den Amphibien. Die Wanderung von Grasfröschen und Erdkröten zu ihren Laichgewässern wird von der jeweiligen Witterung in einem Zeitraum zwischen Mitte Februar und Mitte März ausgelöst, was lange bekannt und erforscht ist. Grasfrösche kommen früher, die Erdkröten etwas später. Beide sind so genannte Explosivlaicher. Sie legen ihre glibbrigen Pakete ab, sobald es günstige Bedingungen dafür gibt. Kritisch ist für sie nur die kurze Zeit von einer oder zwei Nächten Dauer, in der sie von ihren Verstecken, in denen sie überwintert haben, zu Tümpeln und Teichen unterwegs sind, um abzulaichen. Dabei können sie nämlich überfahren werden, weswegen rührige Umweltschützer ihnen bei der Überquerung von viel befahrenen Verkehrswegen ein wenig zur Hand gehen.

Sobald sie aber das Laichgewässer erreicht haben, sind sie ziemlich unabhängig vom weiteren Witterungsverlauf. Denn sie bleiben, wie ihr Laich, einfach im Wasser, wo ihnen die Hautatmung reicht, wenn es draußen zu kalt ist. Gefährlich für sie wäre es nur, wenn es noch einmal so frostig wird, dass sie in den Gewässern regelrecht einfrieren. Hoffen wir, dass dieser Fall nicht eintritt.

Ein früher Start im Frühjahr hat übrigens den Vorteil, dass Fressfeinde den Laich und den Bestand von Kaulquappen noch nicht so stark dezimieren, wie späten den von ausgewachsenen Wasser- und Seefröschen. Amphibien sind glücklicherweise viel flexibler, als zumeist angenommen wird. Und der bislang früheste Nachweis aktiver, adulter Tiere in Bayern (sechs Erdkröten-Männchen aus dem Landkreis Erding bei München) stammt vom 19. (!) Januar 1996, nachzulesen im neuen Handbuch „Amphibien und Reptilien in Bayern“ (Ulmer Verlag 2019). Das ist jetzt auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her.

Das Stäuben von Haseln und Erlen begann heuer in etwa zu den üblichen Zeiten Ende Januar/Anfang Februar. Nur wo starker Föhn wirkte, bekamen Allergiker früher Probleme. Dass Kiebitze, Feldlerchen und Stare oft schon wieder „zurück“ sind, ist auch nicht so ungewöhnlich oder dramatisch. Für sie als Kurzstreckenzieher ist wichtig, dass der Boden zugänglich und nicht mehr gefroren ist. Eindeutig profitiert haben vom weitgehend fehlenden Schnee und den eher mäßigen Nachtfrösten solche Vögelchen, die wie Zaunkönig und Rotkehlchen brav zu Hause bleiben und nicht von Körnerfutter leben, sondern von Kleininsekten, Spinnen und deren Gelegen.

Und die vorfristig aus dem Winterschlaf aufgeschreckten Igel? Diese Beobachtung trifft wohl eher auf die Städte zu, in denen es von Haus aus deutlich wärmer ist als auf dem Land. Ansonsten scheint der Winterschlaf gut zu laufen, was man daran erkennen kann, dass man noch keine plattgefahrenen Igel auf den Straßen sieht. Für sie, wie für den Menschen und viele andere Lebewesen, ist nasskaltes Wetter generell ungünstiger als ein bacherlwarmer Winter wie dieser, weil es sie anfällig für Erkältungen und andere Krankheiten macht. Doch für eine vernünftige Winterbilanz ist es jetzt noch viel zu früh. Erst im April/Mai wird sich zeigen, ob und welche Wintereffekte vorhanden sind und welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Populationen haben könnten. Das Jammern nach Schnee ist übrigens kein Maß für „den Winter“ oder gar „die Natur“. Denn vor Sentimentalitäten und Verallgemeinerungen sollten wir uns hüten. So funktioniert Natur nicht.

Dann gibt es noch die rührselige Story von den armen Kuckucksweibchen, die nach einer Kräfte zehrenden Reise aus Afrika zu spät in ihren Brutgebieten ankommen. Der Klimawandel, so die Mär, bewegen ihre Wirtsvögel, in deren Nestern die Kuckucke parasitärerweise ihre Eier ablegen, zum vorzeitigen Abschluss der Brut. Deshalb sänken die Bestände des Kuckucks. Richtig daran ist nur, dass die Populationen des bei den Menschen so beliebten Vogels („Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald“) abnehmen. Aber nicht infolge einer gestörten „Synchronisierung“ durch die Klimaerwärmung, sondern weil die Wirtsvogelarten des Kuckucks wie Rohrsänger und Bachstelzen zurückgegangen sind. Der Grund dafür ist zum einen die Zerstörung ihrer Lebensräume, zum anderen die Gewässerreinhaltepolitik, die dazu geführt hat, dass die Menge an Kleininsekten als Nahrungsquelle von Teich- und Drosselrohrsänger, die sich in den überdüngten Gewässern prächtig entwickelt hatten, auf mehr als ein Zehntel geschrumpft ist. Und wer weiß schon, dass Kuckucke selten die erste Brut der Bachstelzen „parasitieren“, sondern fast immer die zweite. Aber die Story vom traurigen Afrikaheimkehrer liest sich eben so schön…

(Dieser Bericht basiert auf Fachinformationen unter anderem von Prof. H. Reichholf (Ökologe) und dem Forstwirt Johannes Bradtka.)

4 Gedanken zu „Die Mär vom traurigen Kuckuck“

  1. Liebe Freunde,

    die Klimadiskussion spitzte sich im vergangenen Jahr zu, bewegt uns Ehrenamtliche aber schon seit vielen Jahren. Geophysikalische Grundlagen von Klimaveränderungen sind mir bekannt; dennoch kommt mir ein Goethe-Zitat aus der Schulzeit in den Sinn – Doktor Faustus in den Mund gelegt: „Mir wird von alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.“ Ich habe weder die Fachkenntnisse noch die institutionellen Möglichkeiten, mir ein eigenes Urteil zu erarbeiten. Ich werde die Diskussionen weiter verfolgen.

    Auf eine Auslassung der Umwelt- und Naturschutzorganisationen möchte ich jedoch hinweisen, wohl wissend, damit politisch inkorrekt zu werde: Man erklärt uns eindrücklich, wie wir und unsere Nachkommen leben sollen – macht aber einen Bogen um die Frage, wie sich die Zahl der Menschen auf der Erde entwickeln sollte. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, diesem Thema nicht auszuweichen. Sonst greifen es Unmenschen auf.

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