Zu Besuch beim Habichtskauz-Projekt in der Oberpfalz – von Ralf Steinberg

Seit einigen Jahren unterstützen wir als SCRO – Gesellschaft zum Schutz und zur Erforschung der Eulen schon das Habichtskauz-Projekt des Vereins für Landschaftspflege, Artenschutz und Biodiversität e.V. (VLAB). Um uns auch persönlich einen Eindruck von diesem Projekt machen zu können, folgten Michael Pätz und ich einer Einladung von Johannes Bradtka (Vorsitzender VLAB) nach Erbendorf, dem Sitz des Vereins. Am 11. Mai war es dann soweit. Nach einer langen Fahrt trafen wir uns am Nachmittag mit Herrn Bradtka und lauschten gespannt den ausführlichen Schilderungen wie dieses Projekt zu Stande kam und dessen Entwicklung in den letzten Jahren. Des Weiteren war für den 12. Mai eine Beringung von zwei jungen Habichtskäuzen geplant, welche kurz vor dem Ausfliegen in einem Nistkasten in einem Waldstück der Oberpfalz, standen. Da wir von dieser „Aktion“ gerne Foto- und Filmmaterial machen wollten, besprachen wir noch ausführlich den genauen Ablauf der Beringung, um uns vorab ein genaues Bild davon machen zu können, um nicht unnötig diese Beringungsmaßnahme zu stören oder zu behindern.

Nun war es soweit, die „Beringungsaktion“ der jungen Habichtskäuze stand kurz bevor. Michael und ich waren schon ganz aufgeregt. Immer wieder überprüften wir unsere Kameraausrüstung, ob wir auch nichts vergessen hatten und besprachen den Ablauf für die Filmarbeiten, um schnittfähiges Material für einen kurzen Videofilm ohne große Störung der Aktion zu bekommen.

Gegen 14 Uhr trafen wir uns dann mit Johannes Bradtka, Michaela Domeyer (Projektleiterin VLAB) und Matthias Gibhardt (Baumkletterer) auf einem Parkplatz bei Erbendorf und fuhren gemeinsam mehrere Kilometer in ein wunderschönes Waldgebiet, in denen die jungen Habichtskäuze in einem Nistkasten auf ihre Beringung warteten. Dort angekommen folgte noch eine kurze Besprechung. Michael und ich positionierten unsere Kameras in der Nähe des Nistkastens, immer auf der „Hut“, nicht von einem Altvogel, welche sich in der Nähe des Nistkastens in den Bäumen versteckten, angegriffen zu werden. Habichtskäuze sind dafür bekannt, dass sie ihre Jungen bewachen und notfalls auch angreifen und man deren scharfe Krallen zu spüren bekommt.

Matthias erklimmt den Nistkasten – Habichtskauz greift an
Matthias erklimmt den Nistkasten – Habichtskauz greift an

Johannes, Michaela und Matthias bereiteten sich auf die Beringung vor und schützen sich mit dicken Handschuhen und einem Schutzhelm, welches sich kurze Zeit später auch als notwendig erwies. Mit einer langen Leiter und den Beringungsutensilien bepackt, näherten sie sich dem Nistkasten. Schon kam der erste Altvogel aus einem Dickicht eines Laubbaumes heran geflogen und beobachtete aus wenigen Metern das „Treiben“ unter sich. Matthias stellte die Leiter an, sicherte sich mit einer Kletterausrüstung und stieg zum Nistkasten auf. Plötzlich stürzte ein Habichtskauz aus seinem Versteck und flog einen Angriff auf Matthias. Nun war für alle Beteiligten höchste Wachsamkeit angesagt! Während Matthias sich den Jungen näherte, beobachteten wir aufmerksam die Umgegend, um ihn vor einem weiteren Angriff rechtzeitig warnen zu können. Er griff in den Nistkasten und holte den ersten Jungvogel heraus, da folgte auch schon der zweite Angriff. Wie ein Pfeil schoss ein Altvogel aus seinem Versteck und traf Matthias mit seinen scharfen Krallen am Kopf. Ohne Helm hätte das böse enden können. Trotz Helm hatte der Kauz ihm eine kleine Wunde an der Schläfe zugefügt. Nun ließ Matthias die beiden Jungkäuze in einem Jutesack mit einem Seil nacheinander sanft zu Boden gleiten. Dort wurden die kleinen Käuze von Johannes und Michaela in Empfang genommen. Beide Altvögel beobachteten dabei aufmerksam das Geschehen.

Junger Habichtskauz bekommt seinen Ring – wichtig für Wiederansiedlungsprojekte
Junger Habichtskauz bekommt seinen Ring – wichtig für Wiederansiedlungsprojekte

Nun wurden die jungen Habichtskäuze beringt, vermessen und gewogen. Alle Daten wurden erfasst und an die zuständige Vogelwarte weiter geleitet.

Beim Zurücksetzen der beiden Jungen in den Nistkasten erfolgte kein weiterer Angriff der Altvögel, obwohl sie alles genau beobachteten. Jetzt musste alles schnell gehen, damit sich die Vögel wieder beruhigten.

Gewogen und vermessen: Jedes Gramm zählt
Gewogen und vermessen: Jedes Gramm zählt

Alle Beteiligten waren froh, dass diese Aktion so gut verlief, auch Michael und ich waren mit den Aufnahmen sehr zufrieden, aber nicht nur über die Aufnahmen, sondern auch, dass wir eine Beringung im Freiland überhaupt einmal hautnah miterleben durften. Für uns war es das erste Mal, Habichtskäuze in freier Natur zu erleben!

Wie sich einen Tag später heraus stellt, hatten wir riesiges Glück, die Jungen überhaupt noch beringen bzw. filmen zu können, denn in der Nacht hatten die beiden Jungkäuze ihren Nistkasten schon verlassen und versteckten sich als Ästlinge im Dickicht der näheren Umgebung. Weit weg konnten sie nicht sein, denn die beiden Altvögel saßen noch in unmittelbarer Nähe des Nistkastens.

Im Laufe des Sommers erhielt der VLAB 27 Habichtskauz-Nachzuchten von verschiedenen Zoos aus Deutschland und Frankreich, welche sich an diesem Projekt beteiligen. Die Jungeulen wurden in den dafür speziell errichteten Volieren innerhalb des Projektgebietes erfolgreich antrainiert, in der Natur Beute zu schlagen. Ende August war es dann soweit: 26 der jungen Habichtskäuze wurden in die Natur entlassen, von denen 12 durch Dominik Fischer (Tierarzt Zoo Wuppertal) mit Sender ausgestattet wurden. Ein Jungvogel wurde zurück behalten, um ein weiteres Zuchtpaar für dieses Projekt aufzustellen.

Erfolgreiche Beringung abgeschlossen – das Team des VLAB nach der Aktion
Erfolgreiche Beringung abgeschlossen – das Team des VLAB nach der Aktion

An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank an Johannes Bradtka, Michaela Domeyer und Matthias Gibhardt für dies tolle Erlebnis, vor allem aber für ihre großartige Arbeit und Einsatz zum Schutze dieser wunderschönen Eulenart! DANKE!!!

Zur Person:

Ralf Steinberg engagiert sich seit fast 30 Jahren ehrenamtlich für den Artenschutz. Im Jahr 1996 gründete er in Radevormwald (Nordrhein-Westfalen) die Sektion Deutschland der international tätigen Gesellschaft zum Schutz und zur Erforschung der Eulen (SCRO), die ein Jahr vorher in Kanada ins Leben gerufen wurde. Ralf Steinberg ist Vorsitzender von SCRO und begeisterter Naturfilmer und Fotograf.

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