Das Wiederansiedlungsprojekt Habichtskauz

„Das einzig Beständige ist der Wandel“

Dieser Aphorismus des Vorsokratikers Heraklit trifft auch für viele Tierarten, darunter der Habichtskauz (Strix uralensis), zu. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts brütete der Uralkauz, wie er auch genannt wird, in den montanen Wäldern Ostbayerns und des auf tschechischer Seite angrenzenden Böhmerwaldes (Šumava) und Böhmischen Waldes (Český les). Der letzte seiner Art wurde den Aufzeichnungen nach um 1926 bei Schüttenhofen (Sušice) in Westböhmen abgeschossen. Obwohl seine Hauptnahrung nur aus Mäusen besteht, galt er damals vollkommen zu Unrecht als „schädliches Raubzeug“ und wurde konsequent bejagt.

Neben der starken Verfolgung durch den Menschen, trug die damalige Form der Waldbewirtschaftung zu seiner Ausrottung wesentlich bei. Abgestorbene oder morsche Bäume wurden rigoros entnommen und als Brennstoff verwendet, kleinere und größere Offenflächen im Wald forstete man auf. Viele ältere laubholreiche Wälder wurden kahlgeschlagen und die darauffolgende Waldgeneration in einförmige dicht stehende Fichtenmonokulturen umgewandelt. All das führte schließlich zu dem endgültigen Erlöschen der Art. Lange nach der Ausrottung von Bär, Wolf und Luchs verschwand somit ein weiterer wenig scheuer Beutegreifer aus den deutschen Wäldern.

Trotz des Nachlassens der menschlichen Verfolgung und positiver Veränderungen in der Bewirtschaftung der Wälder war es für den migrationsschwachen und sehr standortstreuen Habichtskauz seitdem unmöglich, seine ursprünglichen Verbreitungsgebiete von sich aus wieder neu zu besiedeln. Eine natürliche Zuwanderung, die wir gegenwärtig bei Fisch- und Seeadler oder dem Kolkraben beobachten, ist für den Uralkauz, wenn überhaupt, nur in historischen Zeiträumen vorstellbar.

Verbreitung

Das Hauptverbreitungsgebiet des Habichtskauzes liegt in den borealen Nadelwäldern Nord- und Osteuropas und im Baltikum. Es erstreckt sich in einem breiten Band nach Osten über Russland, Zentralchina bis zum Ochotskischen Meer, einem Randmeer des Pazifischen Ozeans, um dann südlich verlaufend bei den immergrünen Laubwäldern der japanischen Izu-Inseln im Pazifischen Ozean zu enden (BLOTZHEIM V, 1994).

In den Bergwäldern Südost- und Osteuropas bildet der Uralkauz oft nur isolierte Kleinpopulation, wie beispielsweise in Österreich, Bulgarien, Polen, Tschechische Republik, Ungarn, Slowenien oder in Serbien-Montenegro. Zwischen ihnen findet kein Austausch statt. Sie sind genetisch isoliert und einer starken Aussterbegefahr durch natürliche Bestandsschwankungen unterworfen. Eine Vernetzung der Populationen scheint für einen langfristigen Erhalt der Art in diesen Regionen dringend geboten zu sein (NATIONALPARK BAYERISCHER WALD, 2007).

Aktuelle Vorkommen des Habichtskauzes In Deutschland gibt es nur noch im und in der Umgebung des Nationalparks Bayerischer Wald, in dem 1975 ein Auswilderungsprojekt begonnen wurde. Jörg Müller, der Sachgebietsleiter für Zoologie und Waldökologie im Nationalpark Bayerischer Wald, nennt gegenwärtig rund 30 bis 60 besetzte Brutreviere im Bayerischen Wald und in dem auf tschechischer Seite angrenzenden Šumava (mündliche Mitteilung Müller 2018). Trotz dieser positiven Entwicklung gilt der Habichtskauz in Bayern als extrem seltene Art mit einer geographischen Restriktion auf die Bergwälder Ostbayerns. Langfristig betrachtet wird auf Grund der weiteren Verbesserung seiner Waldlebensräume, dem Wegfall der menschlichen Verfolgung und durch Auswilderungen eine Zunahme seines Bestandes um bis zu 20 Prozent prognostiziert (BAYERISCHES LANDESAMT FÜR UMWELT, 2016).

Adulter Habichtskauz Bild. © B. Fischer
Adulter Habichtskauz Bild. © B. Fischer
Biologie und Lebensraum

Der Habichtskauz ist mit einer Größe von rund 60 cm und einer Spannweite bis zu 125 cm die größte ausschließlich im Wald lebende Eule Mitteleuropas. Er erreicht ein Gewicht von ca. 650 bis maximal 1.200 Gramm. Im Unterschied zum Waldkauz ist er fast doppelt so groß und kontrastreicher gefärbt. Die Superspezies Srix uralensis weist in ihrem globalen Verbreitungsgebiet viele Unterarten auf. Diese unterscheiden sich im Phänotyp durch unterschiedliche Größen und Färbungen. Grob gesagt nehmen die Farbsättigung und Flügellänge von Südost- nach Nordosteuropa und Sibirien hin ab. Die Morphen werden von West nach Ost heller, ihre Körperform wirkt kompakter.

Habichtskäuze leben monogam und sind sehr standortstreu. Je nach Schnee- und Höhenlage sowie dem Kleinnagerbestand reicht der Legebeginn von Mitte Februar bis Mitte April mit einem Höhepunkt in der ersten Märzhälfte. Nahrungsknappheit führt nahezu immer zu einem kompletten Ausfall der Brut. Die Größe der Gelege reicht von 1 bis maximal 6, im Durchschnitt 3 bis 4 Eier. Die Brutdauer beträgt 28 Tage. Nach gut einem Monat springen die kaum flugfähigen Jungeulen aus dem Horst und baumen mit Hilfe von Schnabel und Krallen wieder auf. Mit etwa sechs Wochen sind sie flügge. Nach einer sehr hohen Mortalitätsrate in den ersten beiden Lebensjahren, die Angaben schwanken zwischen 60 und 80 Prozent vermögen sie im Freiland ein Alter von über 20 Jahren zu erreichen. Als natürliche Feinde gelten Uhu, Habicht und Steinadler (KOHL, I., LEDITZNIG, Ch., 2012).

Die Hauptnahrung des Habichtskauzes besteht aus Mäusen aller Art. In mäusearmen Notzeiten erbeutet er kleine Säugetiere, Amphibien sowie größere Insekten und deren Larven. Größere Kleinsäuger, wie Eichhörnchen und Hasen, werden nur sehr selten geschlagen. Vögel treten in der Nahrungsanalyse stark zurück. Extrem selten und nur in ausgesprochenen Notzeiten frisst er auch Aas (BLOTZHEIM V, 1994).

Der Uralkauz brütet in großen Baumhöhlen und auf stärkeren morschen Baumstümpfen ab etwa 3,5 bis zu maximal 21 Meter Höhe. Häufig nistet er in verlassenen Horsten von Habicht, Mäusebussard, Fisch- und Schreiadler sowie von Schwarzstorch. Sehr selten wurden Bruten auch in Steinklüften nachgewiesen. Der Habichtskauz bevorzugt keine bestimmten Baumarten. Künstlich angebotene Nisthilfen nimmt er gerne an, was seine Wiederansiedlung in den Wirtschaftswäldern begünstigt. Entgegen mancher Angaben ist er nicht ausschließlich an Primärwälder (Urwälder) gebunden und kann somit nicht als eine typische „Urwaldreliktart“ bezeichnet werden. Er präferiert auch keine bestimmte Waldgesellschaft als Revier oder Streifgebiet. Im Wirtschaftswald bevorzugt er ruhige, lichte Altholzbestände mit einer Laubholz-Beimischung und stark dimensionierten Hochstümpfen oder Höhlenbäumen zum Brüten. Selbst aus reinen Nadelholzbeständen liegen Brutnachweise aus Österreich vor. Die Wälder sollten mit Waldwiesen und sonstigen Freiflächen durchsetzt sein, damit er nach seiner Hauptbeute, den Mäusen, jagen kann. Stehende oder fließende Gewässer im Wald sind von großem Vorteil für seine Ansiedlung. Kalte Nordlagen und sehr steiles Gelände werden als Revier und Streifgebiet meist gemieden (KOHL, I., LEDITZNIG, Ch., 2014).

Kerngebiet der Wiederansiedlung

Als Kerngebiet der Wiederansiedlung des Habichtskauzes in Nordostbayern wurden der Naturpark Steinwald, der Hessenreuther Wald und das südliche Fichtelgebirge ausgewählt. Diese Landschaftsräume gehören zu seinem historischen Verbreitungsgebiet. Sie sind dünn besiedelt und nur gering durch Verkehrswege, kleinere Ortschaften und meist extensiv bewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen fragmentiert.

Schwarzer Kreis: Wiederansiedlungsgebiet in Nordostbayern; Roter Kreis: Isolierte Kleinpopulation im Bayerischen-, Böhmischen Wald. Bild © LfU
Schwarzer Kreis: Wiederansiedlungsgebiet in Nordostbayern; Roter Kreis: Isolierte Kleinpopulation im Bayerischen-, Böhmischen Wald. Bild © LfU

 

Die großen submontanen-montanen Wälder liegen in einer Höhenlage von ca. 500 – 900 Meter ü. NN. Sanfte Bergkuppen und Bergrücken, Felsformationen mit Blockhalden, kleine oligotrophe Waldbäche, Wiesen, stehende Gewässer und vereinzelte moorige Flächen prägen das Landschaftsbild.

Die Wiederansiedlung wurde von der Regierung der Oberpfalz, in Abstimmung mit der höheren Naturschutzbehörde und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt, genehmigt. Die Erlaubnis zur Auswilderung gilt bis zum Jahr 2026. Nach fünf Jahren Laufzeit ist eine Evaluierung des Projektes der Behörde vorzulegen (REGIERUNG DER OBERPFALZ, 2016).

Projektziele

Hauptziel des Projektes ist, eine lebensfähige Kleinpopulation zu etablieren. Diese soll sich langfristig ohne menschliche Hilfe in den Wäldern der nordostbayerischen und nordwestböhmischen Mittelgebirge ausbreiten und mit der bisher isolierten Kleinpopulation des bayerisch-böhmischen Waldes im Südosten vernetzen. Flankierend dazu werden bis zu 200 Brutkästen an geeigneten Standort im Wald installiert, welche die vorhandenen natürlichen Brutmöglichkeiten – Hochstümpfe und starkes Totholz – ergänzen und den Bruterfolg und die Ausbreitung beschleunigen sollen.

Zur Verbesserung der für den Habichtskauz typischen Strukturelemente werden kleinere Waldwiesen und Sukzessionsflächen, Kleingewässer sowie starkes stehendes Totholz und Hochstümpfe neu geschaffen und gefördert. Davon profitieren auch andere Artengruppen aus dem Pflanzen-, Tier- und Pilzreich. Das Projekt trägt dadurch zur Förderung der gesamten biologischen Vielfalt in den Waldlebensräumen des Projektgebietes wesentlich bei.

Durch ein jährlich durchgeführtes Monitoring wird der Stand der Wiederansiedlung regelmäßig evaluiert.

Die Natur- und Waldpädagogik stellen einen weiteren Schwerpunkt dar. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen mit dem Natur- und Artenschutzgedanken und dem multifunktionalen Nutzen einer naturnahen Waldwirtschaft vertraut gemacht werden Durch Führungen, Vorträge und verschiedenste Aktionen wird am Beispiel des Habichtskauzes ein tiefes Verständnis für den Schutz der Umweltressourcen, des Waldes und der Natur geschaffen.

Finanzierung und Kooperationspartner

Neben der Eignung des Gebietes für eine Wiederansiedlung war es im Vorfeld wichtig zu überprüfen, ob jedes Jahr auch eine ausreichende Anzahl an Jungeulen zur Auswilderung zur Verfügung steht. Hierbei besitzt die Herkunft der Vögel eine ausschlaggebende Bedeutung für das Gelingen des Projektes. Es dürfen nur Jungtiere von Habichtskauz-Paaren oder Ammenvögeln zur Auswilderung eingesetzt werden, die einen unmittelbaren Kontakt zu den Eltern während der Aufzuchtphase hatten. Nur so lassen sich das spätere Sozial- und Reproduktionsverhalten und alle anderen Verhaltensweisen positiv beeinflussen. Folgende Züchter standen bisher für das Projekt zur Verfügung: Opel-Zoo Kronberg, Nationalpark Bayerischer Wald, Greifvogelpark Grafenwiesen, Greifvogelstation und Wildgehege Hellenthal und Tierpark Gotha. Ab 2019 rechnen wir mit Jungeulen aus dem Tierpark Berlin, dem Bayerwald Tierpark Lohberg und aus dem Zuchtgehege des Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Falkenorden.

Als wichtige beratende Kooperationspartner konnten wir den Deutschen Falkenorden (DFO) und den Nationalpark Bayerischer Wald gewinnen. Zusätzlich unterstützen die Bayerischen Staatsforsten – eine Anstalt des öffentlichen Rechts mit Sitz in Regensburg – und die Güterverwaltung Friedenfels das Projekt. Eine mittelfristig gesicherte Finanzierung wurde vor Projektbeginn geprüft und ist sichergestellt. Die Wiederansiedlung wird neben Eigenmitteln des Vereins derzeit durch die Heinz Sielmann Stiftung, die Europa Möbel-Umweltstiftung und weitere private Spender finanziell gefördert.

Moderne Eingewöhnungsvolieren bieten bis zu sechs Jungeulen Platz. Bild © M. Domeyer
Moderne Eingewöhnungsvolieren bieten bis zu sechs Jungeulen Platz. Bild © M. Domeyer
Eingewöhnung und Auswilderung

Zur Eingewöhnung der Jungeulen stehen momentan vier Volieren zur Verfügung. Sie befinden sich räumlich gut verteilt in einem Abstand von jeweils rund 7 Kilometer an ruhigen und versteckt gelegenen, allerdings gut erreichbaren Standorten im Projektgebiet. Die Volieren wurden baugleich im Maß 8 x 4 x 3,5 Meter aus Lärchenholz errichtet. Jede bietet mit 32 qm geräumig Platz für maximal sechs Jungeulen und besitzt eine Vorkammer, von der aus die Tiere über Rohre gefüttert werden können. Rund acht bis zehn Wochen nach ihrer Geburt wurden in den Jahren 2017/2018 insgesamt 11 Käuze aus zoologischen Einrichtungen und Wildgehegen abgeholt und zur rund vier Wochen dauernden Eingewöhnung in die Gehege gebracht. Vor der Übernahme begutachtete ein Fachmann den allgemeinen Gesundheitszustand der Tiere, um erforderlichenfalls eine Entwurmung oder Desinfizierung durchzuführen. Dies war bisher jedoch nicht notwendig. Die Kennzeichnung der Tiere erfolgte mit Metallringen der Vogelwarte Radolfzell. Sie fand entweder bereits vor der Abholung aus den zoologischen Einrichtungen oder in Ausnahmefällen in den Eingewöhnungsvolieren statt.

Nach einer rund vierwöchigen Eingewöhnungszeit beurteilte ein Sachkundiger die allgemeine Kondition, den Gesundheitszustand sowie die Augen, das Gefieder und die Füße der Vögel. Bei einem positiven Befund öffnete man bei gutem Wetter – kein Regen, Gewitter oder starker Wind, eine große Luke am oberen Rand der Voliere und die Tiere gelangten in Freiheit. Nach der Auswilderung kehrten die Jungeulen in der Dämmerung und ersten Nachthälfte unregelmäßig und über einen Zeitraum von ca. vier bis sechs Wochen an die Voliere zurück. Auf einem davor errichteten Futtertisch wurden den Tieren regelmäßig Mäuse angeboten.

Zur Beschleunigung des Bruterfolges und als Übergang bis genügend natürliche Bruträume in älteren hohlen Bäumen oder in Hochstümpfen bereit stehen, wurden bisher 70 Brutkästen gebaut und an Bäumen angebracht.

Ausblick

Aufbauend auf dem langfristigen Konzept zur Wiedereinbürgerung des Habichtskauzes sind in den kommenden Jahren folgende Maßnahmen vorgesehen:

60 weitere Brutkästen werden gebaut und an geeigneten Standorten im Wald angebracht. Das Projekt soll auf das Waldgebiet rund um den Großen Kornberg im Landkreis Hof im nordöstlichen Fichtelgebirge und auf den benachbarten Böhmischen Wald in der Tschechischen Republik ausgedehnt werden.

Auf Grund des sich jährlich verbessernden Züchternetzwerkes sollen im Jahr 2019 deutlich mehr Jungeulen als bisher eingewöhnt und ausgewildert werden.

Die Neuanlage weiterer rund 8 Hektar Waldwiesen und Blühflächen wird noch 2018 realisiert. Im Frühjahr 2018 wurde damit begonnen, natürliche Brutmöglichkeiten durch Kappung stärkerer Buchen, Birken, Kiefern und Lärchen in fünf Metern Höhe mittels eines Harvester zu schaffen. Der Erhalt und die langfristige Sicherung von starkem, stehendem Totholz und von Hochstümpfen im Privat- und Körperschaftswald wird im Rahmen der Fördermöglichkeiten durch das Vertragsnaturschutzprogramms Wald fortgesetzt.

Zur besseren Beurteilung und Dokumentation des Ansiedlungserfolges, der räumlichen Dispersion, der Überlebensrate und der bevorzugten Habitate der freigelassenen Habichtskäuze ist eine Telemetrie-Studie geplant.

Kinder und Jugendliche werden künftig in das Projekt eingebunden. Durch Führungen und verschiedenste Aktionen soll am Beispiel des Habichtskauzes ein Verständnis für den Schutz der Umweltressourcen, des Waldes und der biologischen Vielfalt geschaffen werden.

Anmerkung:

Bei dem Bericht handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Der Originalartikel von Johannes Bradtka, Michaela Domeyer und Dr. Christina Hauser erschien mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis in der Zeitschrift des Kölner Zoos, Heft 2/2018, 61. Jahrgang und im Jahrbuch des Deutschen Falkenordens 2018, Verlag Neumann-Neudamm.

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